Kennst du noch das Bilderbuch* von der kleinen Maus, die Sonnenstrahlen statt Körner und Früchte sammelt? Seit 57 Jahren wird das Buch in Kindergärten und Familien gelesen, lange bevor Mental Health zum Thema wurde, und trifft heute mehr denn je den Nerv der Zeit.

Frederick lebt mit seiner Mäusefamilie in einer alten Steinmauer. Als die Erntezeit beginnt, sammeln seine Geschwister fleißig Vorräte: Nüsse, Ähren, Beeren,… Frederick sitzt scheinbar faul herum und beteiligt sich nicht. Er würde Sonnenstrahlen, Farben und Worte sammeln, sagt er den anderen, bei denen das eher auf Unverständnis stößt. Als dann der Winter einbricht, ziehen sich alle in die Verstecke in der Mauer zurück. Anfangs herrscht noch gute Stimmung, die Vorräte sind reichlich und die Mäuse haben sich viel zu erzählen. Doch je länger die kalte, dunkle Jahreszeit andauert, umso wortkarger und trüber werden sie. Und dann erinnern sie sich an Frederick und was er gesammelt hatte. „Schließt die Augen“, fordert er sie auf, und dann malt er ihnen die schönsten Bilder von Sonnenstrahlen und Blumenwiesen. Er erzählt ihnen Geschichten und Gedichte. Bis sie die Bilder vor sich sehen, die Felder riechen und die Sonne und Worte ihr Herz erwärmen.

 

Kraft sammeln, wenn alles um einen herum grau und kalt ist. Das ist ein Thema, das mich besonders im Winter packt. Wenn das Wetter nass, grau und kalt ist und die Wiesen matschig. Wenn ich morgens im Dunkeln aus dem Haus gehe und es schon wieder dunkel wird, bevor ich den Räuber ins Bett bringe. Wenn das An- und Ausziehen mit Kind(ern) dreimal so lange dauert und die Waschmaschine ob all dem Matsch Extratouren läuft.
Und bis hier hin habe ich noch kein Wort zu den ganzen Infekten erwähnt, die man als Familie den Winter über mitmacht. Geschrieben habe ich den Artikel vor Wochen, als noch alle gesund waren und wir Frederick im Kindergarten behandelt haben. Seit gestern liege ich mit Fieber im Bett und nutze die 10 Minuten Aufmerksamkeitsspanne, um den Artikel den letzten Schliff zu geben. Auf dem Sofa mit Laptop, weil mir das wenigstens etwas das Gefühl gibt, etwas produktives getan zu haben. Gefühlt haben wir lange durchgehalten, während viele andere schon vor uns krank waren. Wenn ich in meine Nachrichtenverläufe mit der Arbeit schaue, sehe ich aber, dass wir erst vor 6 Wochen die letzte Runde Magen-Darm hatten, bei der wir alle 3 flach lagen. Und der Winter hat gerade erst angefangen.

Bei alle dem denke ich wieder an Frederick und die Resilienz.
Der Begriff der Resilienz kommt eigentlich aus der Physik, wo er die Widerstandsfähigkeit bezeichnet, z.B. von einem Gummi, dass auch nach starker Dehnung wieder in seine ursprüngliche Form zurückkehrt. Die Soziologie hat ihn auf uns Menschen übertragen, denn auch im Leben gibt es immer wieder herausfordernde Zeiten, die uns unter starke Spannung setzen. Die Resilienz bezeichnet hier die Fähigkeit einer Seele, diese Zeiten ohne dauerhafte Beeinträchtigung zu überstehen und wieder zur alten Form zurückzukehren. Resilienz brauchen wir nicht nur in den großen privaten und globalen Krisen, sondern auch ganz alltagsnah in der dritten Runde Erkältungsinfekt und Matschregen eines noch lange andauernden Winters.

Was Frederick seinen Mit-Mäusen präsentiert ist nichts anderes als kleine Schritte der Resilienz-Förderung. Ich möchte sie uns einmal in unseren Alltag übersetzen:

Sonnenstrahlen – oder: Das Wissen, was mir gut tut

Wohltuendes, das auch im „Winter“ immer wieder durchbricht und uns innerlich wärmt und gut tut.
Neulich fiel in einer Fortbildung zum Stressmanagement der Satz:
„Wenn wir uns zu lange keine Zeit nehmen, zu entspannen, dann verlieren wir irgendwann die Fähigkeit dazu.“
 Das fühle ich gerade sehr. Die letzten 5 Jahren waren sehr voll, beruflich und privat. Umzug, neue Gemeinde, Umbrüche im Freundeskreis und im Berufsleben. Viele Abschiede und Neuanfänge. In Mutterschaft, Beruf und Alltag immer wieder Grenzen austesten und aushalten, Neues lernen und austesten, wie viel in einen Alltag reinpasst. Scheitern und nochmal versuchen. So oft habe ich mir keine Zeit genommen, Pause zu machen. Immer etwas anderes höher priorisiert – weil wenn das gemacht ist, dann wird es bestimmt entspannter. Spoiler: Wird es nicht.
Und wenn ich mich so umschaue, bin ich damit nicht alleine. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ ist ein Satz, der viele von uns prägt aber trügerisch ist, wenn die ToDo-Liste kein Ende hat. Deshalb habe ich es mir dieses Jahr neu zur Aufgabe gemacht, das zu lernen.

Weißt du, was dich entspannt? Was deiner Seele und deinem Körper gut tut? Nachhaltig, nicht nur für den Moment meine ich. Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Ich mag z.B. gutes Essen und True Crime Podcasts. Aber in Stresszeiten neige ich dazu, zu schnell und viel zu essen und wenn ich in solchen Zeiten True-Crime-Fälle anhöre, träume ich Nachts davon. Nichts von beidem tut mir also nachhaltig gut.

Sonnenstrahlen sammeln heißt für mich, neu hinhören: Was hilft mir nachhaltig zu entspannen? Was fördert mein körperliches und seelisches Wohlbefinden? Und das schreibe ich mir auf, so lange bis ich es wieder wirklich verinnerlicht habe. In den Kategorien 10 Minuten / 1 Stunde / 1 Abend / 1 Tag – mit /  ohne Budget. Denn es hilft mir nichts, nur Pläne zu haben für ein freies Wochenende im Wellnesshotel, das dann nie stattfinden wird.
Was würdest du auf deine Liste schreiben? Nimm dir einmal die Kategorien  vor und probier es aus.

Farben – oder: Schöne Erinnerungen pflegen

Wir sollten die schönen Erinnerungen mehr festhalten, sagt neulich mein Mann. Wir sprachen gerade darüber, dass man sich oft mehr auf die anstrengenden Zeiten fokussiert und schnell aus dem Blick verliert, wie viele schöne Momente es selbst dort zwischendrin noch gab. Über das Wie, Wo und den Aufwand müssen wir uns noch einigen, aber der Gedanke hat mich wieder an Frederick und seine Farben erinnert. In einem Lied aus dem Frederick-Musical heißt es „Und wird die Welt eines Tages grau und leer, dann schenk ich meine Bilder her“. In Winterzeiten wird die Welt oft einfarbig. Weiß. Grau. Monoton. Dann tut es gut, innezuhalten und zu schönen Erinnerungen zu greifen, die bunt und lebendig sind. Sich selbst Bilder zu schenken, die einen mit schönen Erinnerungen eindecken und wieder aufleben lassen.
Manche machen das mit Fotobüchern, andere sammeln schöne Erinnerungen und Fotos in Boxen und füllen jedes Jahr eine. In den Winterferien haben wir uns als Familie eine Bilder-Show als Jahresrückblick angeschaut.

Hast du schon eine Methode? Welche könntest du dir vorstellen auszuprobieren? Schlag sie uns gerne in den Kommentaren vor!

Egal wie du es tust, du wirst merken, es stärkt deine Resilienz, in Winterzeiten danach zu greifen. Alleine oder als Familie die schönen Momente aufleben zu lassen. Und das ist tatsächlich von der Hirnforschung belegt. Denn unser Gehirn aktiviert die gleichen Areale, ob wir ein Bild von einer Zitrone sehen oder in eine beißen, weil es auf bereits Erlebtes zurück greifen kann. Da gleiche gilt auch für positive Emotionen beim Anschauen von Erinnerungsstücken.

Worte – oder: gute Wahrheiten über mich

Worte haben Macht. Das steht schon in der Bibel (Sprüche 18,21) und merken wir immer wieder in Alltag, Politik und Kindererziehung. Aber auch was unser eigenes Denken angeht. Kennst du z.B. das Prinzip der „Selbsterfüllenden Prophezeiung“? Es stammt aus der Psychologie und bedeutet, dass etwas, was wir über uns denken und sagen („Ich werde diese Aufgabe nicht schaffen!“) uns am Ende so beeinflusst, dass wir tatsächlich scheitern. Das gilt aber auch umgekehrt. Ein Beispiel dafür ist der bekannte Placebo-Effekt, wobei wirkstoffreie Medikamente trotzdem zu positive Ergebnissen führen, wenn der Patient von der Wirkung überzeugt ist.

Was hat das mit Frederick und der Resilienz zu tun?
Bei der schon erwähnten Fortbildung hatten wir die Aufgabe, uns dem Sitznachbar zuzuwenden und uns zwei Minuten selbst zu loben – ohne „aber“! Wenn ein Selbstlob relativiert wurde, begannen die 2 Minuten von vorne. Wow, war das schwer! Mal abgesehen davon, genug Punkte zu finden um zwei Minuten zu reden – wie schwer ist es bitte, sein Eigenlob nicht einzuschränken? Wie schnell ist man beim „meistens“, „wenn“ oder „aber“. „Ich kann mich gut organisieren, aber nur auf der Arbeit und nicht im Haushalt“, „Ich kann gut Nein sagen, aber nicht wenn XY fragt“, …
Es ist toll zu sehen, was es mit einem macht, wenn man mal aufzählt, was man eigentlich alles kann. Es fällt anfänglich vielleicht schwer, aber du wirst überrascht sein, was dabei alles zusammen kommt. Es kann dir einen Perspektivwechsel geben, mal das Aber wegzulassen. Bezeichne dich ruhig als Ordentlich, auch wenn nicht die letzte Schublade sortiert ist! Du hast eine besondere Geduld, dich einfühlsam auf dein Kind einzulassen, auch wenn du nicht in jeder Situation die Nerven behalten kannst! Keiner ist perfekt und es ist eine Stärke von dir!
Und wenn dir nicht genug selbst einfällt, frage mal andere danach. Schreib es dir auf, wenn du ein Kompliment bekommst. In meinem „Meilensteinbuch für Mamas im 1. Lebensjahr“ habe ich dafür ein Extra-Kapitel. Es hilft, solche Worte wie Frederick zu sammeln und sich davon ermutigen zu lassen, wenn die Kräfte dünn werden und man den Blick dafür verliert.
Auch in der Bibel finden wir solche Worte. Schau mal nach, was Gott über dich denkt! Wie wunderbar er dich gemacht hat (Psalm 139), mit welcher Sehnsucht er dich liebt (Lukas 15) und was er für dich zu geben bereit ist!
Und nicht zuletzt, können wir auch Frederick für andere sein! Gute Worte und Komplimente weitergeben, das machen wir meistens eh viel zu selten.

Mir nachhaltig Gutes tun können zur richtigen Zeit, nicht erst wenn der Akku leer ist. Schöne Erinnerungen sammeln und pflegen. Und gute Worte über mich denken und sammeln. Das möchte ich Stück für Stück einüben in diesem Jahr. Und ich bin gespannt, wie es dann im nächsten Winter sein wird, wenn ich meine Schätze auspacken kann.
Machst du mit?

 

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